Fakten Zusammenlegung der Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe im Unterland
Die Zusammenlegung der Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe an einem gemeinsamen Standort stellt eine strategische Entscheidung dar. Dieser Schritt geht weit über eine reine Rationalisierungsmaßnahme hinaus. Die Zusammenlegung schafft die Voraussetzungen für die Weiterentwicklung einer medizinisch hochwertigeren, personalfreundlicheren und zukunftsfähigeren Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und gynäkologisch erkrankten Frauen in der Versorgungsregion Rheintal Bregenzerwald.
Die Vorteile lassen sich in sieben Kategorien systematisieren
Medizinische Qualität und Patientensicherheit
Höhere Fallzahlen – mehr Routine bei kritischen und seltenen Situationen
Größere geburtshilfliche Teams entwickeln durch höhere Fallzahlen mehr Erfahrung mit seltenen, evtl. auch lebensbedrohlichen Komplikationen. Typische Situationen, bei denen Routine entscheidend ist:
- Schulterdystokie
- Vaginale Beckenendlagengeburt/Vaginale Zwillingsgeburten
- Schwere Präeklampsie / Eklampsie („Schwangerschaftsvergiftung“)
- Postpartale Hämorrhagie (“Nachblutung nach Geburt”)
- Frühgeburtlichkeit
Je höher die Fallzahlen, desto häufiger werden diese Situationen erlebt – und desto routinierter reagiert das Team. Dies beschleunigt auch die Geschwindigkeit mit der Notfälle beherrscht werden könne z.B Notfallkaiserschnitt oder schwere postpartale Blutung. Dies gilt gleichermaßen für gynäkologisch-onkologische Eingriffe und pränataldiagnostische Befunde.
MitarbeiterInnenbedürfnisse und Erfordernisse für einen 24/7 Betrieb (Teamstabilität, Attraktivität und Sicherheit der Aufgabenerfüllung)
Veränderungen der Mitarbeitendenbedürfnisse und Bedingungen
Moderne Gynäkologie und Geburtshilfe erfordert permanent verfügbare vollständige Teams: Fachärzt:innen für Geburtshilfe, Hebammen sowie OP-Team, Anästhesie und Neonatologie. Bei kleineren Abteilungen ist diese Rund-um-die-Uhr-Besetzung zunehmend schwer aufrechtzuerhalten.
Eine Entwicklung kommt hier maßgeblich zu tragen: Die Ausbildung zur Fachärztin/zum Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe wird fast ausschließlich nur noch von Ärztinnen absolviert. Der Anteil von Ärztinnen mit Bedarf nach Teilzeittätigkeit ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen und scheint sich als Trend auch in die Zukunft fortzusetzen.
Von derzeit im Fachbereich Gynäkologie und Geburtshilfe in Bregenz und Dornbirn angestellten 27 Fachärzt:innen sind 21 weiblich und 6 männlich. Wenn wir den Anteil der unter 50 jährigen Fachärzt:innen betrachten sind von 22 angestellten Fachärzt:innen nur noch 3 männlich. In Ausbildung befinden sich an beiden Standorten lediglich Ärztinnen, keine männlichen Ärzte mehr. Das bedeutet im Laufe der nächsten 10 Jahre werden nur vereinzelte oder gar keine männlichen Gynäkologen und Geburtshelfer in den Kliniken anzutreffen sein. Der hohe Frauenanteil in diesem Bereich tut dem System außerordentlich gut, was aber gleichzeitig bedeutet, dass Arbeitszeitmodelle an diese Gegenbenheiten angepasst werden müssen.
Alle Ärzt:innen arbeiten höchst motiviert und engagiert. Aber insbesondere klinische Medizin ist stark von Erfahrung und Routinisierung abhängig. Weibliche ärztliche Karrieren bedürfen anderer Bedingungen. Bedingt durch Mutterschutz- und Karenzzeiten finden sich vermehrt Phasen der Unterbrechung in der beruflichen Erfahrungsentwicklung. Durch die üblicherweise stärkere Einbindung in die Kinderbetreuung folgt dann meist eine Teilzeitanstellung.
Das bedeutet, dass für die geringeren Anwesenheitszeiten bezogen auf die Lebensarbeitszeit wie auch die monatlichen Anwesenheitszeiten die Falldichte und Spezialisierung erhöht werden muss um Routine zu entwickeln und aufrecht zu erhalten.
Die aktuellen Verhältnisse an 2 getrennten Standorten ermöglichen dies nur eingeschränkt was auch in vielen Fällen zur Folge hat, dass Ärztinnen unter dem Gefühl der Überforderung die klinische Medizin verlassen, sich niederlassen oder sogar andere Berufslaufbahnen anstreben. Der Trend geht eindeutig weg vom „Einzelkämpfertum“ zum teamorientierten Arbeiten. Diesem Bedürfnis bzw. dieser Notwendigkeit kann in größeren Teams besser entsprochen werden.
Wahrnehmbar ist auch, dass die Kombination familiärer Verpflichtungen mit der klinischen Tätigkeit eine Tendenz zu höheren spontanen Dienstausfällen zeigt. Die plötzliche Anforderung von Pflegekarenz oder anderen krankheitsbedingten Ausfällen von Ärzt:innen kann in einem größeren Team leichter ausgeglichen werden. Größere Teams sind resillienter gegenüber Ausfällen.
Die Einhaltung des österreichischen Arbeitszeitgesetzes (AZG) und ärztlicher Dienstzeiten wird bei ausreichender Teamgröße wesentlich erleichtert.
Mehr Teilzeitmodelle werden möglich – ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb um qualifizierte Fachärzt:innen und Hebammen.
Spezialisierung und Zertifizierungen
Die 24/7-Verfügbarkeit von Spezialistinnen (z. B. Pränataldiagnostik, Urogynäkologie, gynäkologische Onkologie) wird nur an einem größeren Standort realisierbar. Zertifizierungsvorhaben erfordern Mindestfallzahlen, die durch eine Zusammenlegung stabilisiert werden:
- Brustzentrum (EUSOMA/ÖGGO-Zertifizierung)
- Gynäkologisches Krebszentrum
- Endometriosezentrum / Dysplasiezentrum
- Beckenbodenzentrum
- Perinataler Schwerpunkt
Aus- und Weiterbildung
Die ärztliche Aus- und Weiterbildung ist an gesetzlich festgelegte Anforderungen gebunden, deren Erfüllung mit der Zusammenlegung deutlich erleichtert wird:
- Ein breiteres Fallspektrum ermöglicht eine vollständigere Facharztausbildung
- Die Erfüllung der operativen Richtzahlen (Mindestfallzahlen in definierten Eingriffsgruppen) wird strukturell abgesichert.
- Mehr verfügbare Tutorinnen und Supervisorinnen ermöglichen bessere Begleitung – junge Ärzt:innen müssen nicht vorzeitig auf sich allein gestellt werden.
- Die Abteilung kann als anerkannte Ausbildungsstätte gestärkt werden und zieht qualifizierten Nachwuchs an.
- Fortbildungen, Skills Labs und interdisziplinäre Fallkonferenzen lassen sich mit einem größeren Team effizienter und regelmäßiger durchführen.
Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit
Effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen
- Doppelvorhaltungen bei medizinisch-technischer Ausstattung (z.B.Ultraschallgeräte, technische Diagnostikeinrichtungen, spezielle Instrumente) werden aufgelöst; Investitionen können gezielter eingesetzt werden.
- Die Bettenauslastung kann optimiert werden, da Kapazitätsschwankungen innerhalb einer größeren Einheit besser aufgefangen werden.
- Einkaufs- und Beschaffungssynergien (Verbrauchsmaterial, Pharmaka) eröffnen Konditionen, die für kleinere Einheiten nicht verhandelbar sind.
- Verwaltungsaufwand (Kodierung, Qualitätsmanagement, Dokumentation, Berichtswesen) kann zentralisiert werden.
- Die mittel- und langfristige Investitionsplanung (Sanierung, Digitalisierung, neue Verfahren) wird einfacher planbar und finanzierbar.
Wegfall von Schnittstellenfehlern und Schnittstellenaufwand
Zwar arbeiten beide Standorte in vielen Belangen bereits zusammen aber an einem Standort wäre es definitiv leichter. Schnittstellenfehler durch Informationstransfer zwischen zwei Standorten werden eliminiert: Patientinnenakten, Befunde und Behandlungspläne sind durchgängig verfügbar was bisher nicht der Fall ist. Patientinnendaten müssen umständlich extrahiert und übermittelt werden.
Wissenschaft und Innovation
Klinische Forschung und die Einführung innovativer Verfahren erfordern kritische Fallmassen:
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Größere Patientenkollektive ermöglichen die Teilnahme an multizentrischen Studien mit ausreichender statistischer Power.
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Die Etablierung neuer Techniken (z. B. Roboterchirurgie, geburtsmedizinische Ultraschalldiagnostik) setzt ausreichende Fallzahlen voraus.
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Forschungsförderanträge und wissenschaftliche Publikationen profitieren von homogeneren und größeren Datengrundlagen.
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Eine gemeinsame Abteilung erhöht die Sichtbarkeit als wissenschaftliches Zentrum
Regulatorische Argumente und medizinische Entwicklung
Die Zusammenlegung entspricht dem fachlich erforderlichen Trend zu Schwerpunktzentren:
- Mindestmengenregelungen und Zertifizierungsstandards (DGGG, ÖGGO, Perinatalzentren) verlangen Strukturen, die kleine Einzelabteilungen nicht erfüllen können.
- Eine konsolidierte Abteilung ist widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Einsparungsdiskussionen, da sie Qualität und Wirtschaftlichkeit vereint.
Die medizinische Entwicklung und damit einhergehende Kompexität der Aufgaben ist in einem rasanten Wandel. Das ist auch im Fach Geburtshilfe und Gynäkologie zu spüren. Nur mit Spezialisierung ist dieser Trend bewältigbar.
Entwicklungspotential durch Neugestaltung
Die Zusammenlegung bedingt, dass an beiden Standorten die bestehenden Strukturen und Prozesse gründlich hinterfragt und neu gestaltet werden müssen. Dies ermöglicht die Etablierung neuer Konzepte der Patientinnenbetreuung. Beispielsweise können durch eine konsequente Neugestaltung Prinzipien wie „Zero Separation Konzept“ oder „Familienzentrierte Versorgung“ etabliert werden. Gewohnheiten und Traditionen können hinterfragt werden und die Verhältnisse neu und zeitgemäß gestaltet werden. Insofern stellt die Zusammenlegung eine große Chance dar.
Fazit
Die Zusammenlegung der beiden Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe kann bessere Patienteinnnversorgung, stärkerer Mitarbeiterzufriedenheit und Wirtschaftlichkeit vereinen.
Sie sollte keine Sparmaßnahme darstellen, sondern eine Investition in die medizinische Zukunft der Region. Die entstehende Einheit bietet die optimale Größe, um erstklassige Versorgung, attraktive Ausbildung und attraktive Arbeitsbedingungen zu vereinen.