Archivale des Monats Mai 2026
Erwiderung des Generalvikariats Feldkirch an das Kreisamt zu Bregenz, 18. November 1834
Exorzismen gegen Engerlinge
Der Maikäfer – von Kindern geliebt, von Gärtnerinnen und Gärtnern gefürchtet – war für die vormoderne Landwirtschaft eine konkrete Bedrohung. Er und seine Larve, der Engerling, konnten damals bei einer Massenvermehrung für einen fatalen Kahlfraß an der Ernte sorgen. Schon für das Mittelalter sind regelrechte „Maikäfer-Epidemien“ überliefert. Die Zeitgenossen versuchten, den Insekten durch Sammelaktionen oder weniger effizient mit gerichtlichen Prozessen, bei denen die Tiere kollektiv vor Gericht zitiert wurden, oder magischen Ritualen beizukommen.
Ein solches Ritual scheint Nikolaus Nägele, Kaplan von Riefensberg, im Jahr 1834 in Lingenau vollzogen zu haben. Konkret soll er die Engerlinge (Mayenkäferlarven) im heurigen Frühjahr unter wirklich abergläubischen Zerimonien exorzisiert haben, meldete der Kreishauptmann Johann Nepomuk Ebner (1790 bis 1876) nach Bekanntwerden des Vorgangs dem Brixner Generalvikariat zu Feldkirch, dem der Priester letztlich auch unterstand. Als besonders problematisch wurde empfunden, dass der Lingenauer Pfarrer sogar zu diesen Exorcismen eingewilligt hatte, dürfte er doch den möglichen Widerwillen der Gemeinde gefürchtet haben.
Für den distinktionsbedürftigen Kreishauptmann war klar, dass nur mit einer klaren Anordnung durch das Vikariat an die Seelsorgegeistlichkeit diesem ungestümen als thörichten Verlangen roher Menschen Vorschub geleistet werden konnte. Der Vikar und Weihbischof in Feldkirch, Johann Nepomuk von Tschiderer (1777 bis 1860), hielt ein schärferes Vorgehen aber für unnötig und maßregelte den wegen seiner unbescheidenen Geschwäzigkeit und seiner Unmäßigkeit im Trinken berüchtigten Geistlichen schließlich mit geistlichen Exerzitien und einer beruflichen Prüfung durch den Dekan von Schwarzach für die Durchführung dieser Benediktion gegen die schädlichen Insekten.
| Tobias Riedmann
Quelle: VLA, Kreisamt Bregenz, Präsidiale XXI 95.
Literatur:
- Gisbert Zimmermann, Maikäfer in Deutschland: Geliebt und gehasst Ein Beitrag zur Kulturgeschichte und Geschichte der Bekämpfung. In: Journal für Kulturpflanzen 62 (2010) Heft 5, S. 157–172.
- Peter Dinzelbacher, Das fremde Mittelalter: Gottesurteil und Tierprozess, München 2020.
- Constantin Werkowitsch, Der Maikäfer. In: Mittheilungen des vorarlbergischen Landwirthschafts-Vereines an seine Mitglieder (1879), S. 1991–2008.
- Christian Jacob Genssler, Der Maikäfer und seine Larve ökonomisch betrachtet nebst den Mitteln, ihre schädlichen Wirkungen zu mindern. Gotha 1796.
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